Psychopathia antisemitica

 

Von Reginald Grünenberg

 

Antisemitismus ist keine Meinung, Glaubensform oder politische Haltung*, sondern eine klinische Persönlichkeitsstörung

 

Erstmals erschienen in erheblich kürzerer Form in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. April 2012, Seite 9, unter dem Titel „Die Welterklärungsmaschine“; hier die erweiterte und aktualisierte Ausführung vom Oktober 2023

Juden sind seltsame Menschen. Dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen. Als ich 1984 für das Politikstudium nach Paris zog, lebte mein Vater dort mit seiner Freundin Raymonde, einer marokkanischen Jüdin mit israelischem Pass. Sie war vermögend, weil ihr verstorbener Mann, genannt Babba, Betreiber eines erfolgreichen Nachtklubs und Cacique von Tel Aviv – eine Persönlichkeit mit genug Charisma und Autorität, um in der Unterwelt Streitfälle zwischen verfeindeten Gangstern und ganzen Banden zu schlichten –, ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte. Sie hatte ein Herz aus Gold und bei ihr war immer etwas los; doch wenn sie schlechte Laune hatte, dann riss sie schon mal die Stromkabel aus der Wand und es flogen schwere Glasaschenbecher. Mein Vater war stolz auf ihre Herkunft, denn sie stammte angeblich in direkter Linie von Eleazar Ben Ya’ir ab, dem legendären Anführer des letzten jüdischen Widerstands gegen die römische Invasion. Als die Eroberer 73 n. Chr. die auf einem Tafelberg gelegene Festung Masada stürmten, bewegte Ben Ya‘ir seine tausend Gefolgsleute zum kollektiven Selbstmord. Die Römer waren schockiert und ihre Historiker berichteten mit Ehrfurcht von diesem Ereignis. Seitdem gilt Masada als das stärkste Symbol des jüdischen Freiheitswillens.

Raymonde, die im Club des Milliardaires pokerte oder Baccara spielte, kannte viele wohlhabende sephardische Juden und veranstaltete für ihre Freunde regelmäßig prächtige Diners. An der prunkvollen Tafel mit viel Silber, Kristall, Gänseleberpastete (koscher), Beluga-Kaviar (möglicherweise nicht koscher, da der Stör zwar Flossen, jedoch keine Schuppen hat, wobei die Flossen auch eine Art Schuppen sein könnten – darüber wird seit Rabbi Maimonides im 12. Jahrhundert gestritten), Bœuf Stroganoff (gar nicht koscher) und Weinen von Lafite-Rothschild (nicht koscher, aber Baron Edmond de Rothschild hatte immerhin den Weinbau nach Israel gebracht), saßen immer auch zwei Gojim, nämlich mein Vater und ich.

Es war eine surreale und anfangs beängstigende Welt für mich, denn ich kannte Juden bis dahin nur aus Dokumentarfilmen in Schwarz-Weiß, wie sie in der Schule gezeigt wurden. Darin waren sie abgemagerte Elendsfiguren, die auf zerschlissenen Kleidern den Judenstern trugen. Oder Leichen, die nach der Befreiung der Konzentrationslager mit Baggern in Massengräber geschaufelt wurden. Jean-Paul dagegen verkaufte Inseln in der Karibik, Bernard organisierte die Rallye Paris-Dakar und Bernadette besaß mit ihrer hübschen Tochter Féline eine Feinkostkette. Sie waren stets bester Laune, und abgesehen von La bouffe, dem ewigen Thema Nummer eins in Paris, dem Fressen, unterhielten sie sich am liebsten über Immobilien, Schmuck, Autos und andere Leute. Wenn es um historische, politische oder literarische Fragen ging, wandten sie sich gerne an meinen Vater oder mich, denn diese Kinder Abrahams hatten es nicht so sehr mit der Bildung, wie man sich das landläufig bei Juden vorstellt. 

Theodor Herzl
Theodor Herzl

Was mich damals überraschte, das war, wie sie so unbeschwert mit uns beiden Deutschen am Tisch sitzen konnten. Ich stellte mir vor, wie es gewesen wäre, als Jude geboren zu sein. Genau das machte mir Angst. Denn aus mir wäre ein zorniger, ja, rachsüchtiger Jude geworden, sicherlich auch ein glühender Zionist, der Theodor Herzl, dem Autor von Der Judenstaat (1896) und Begründer des Zionismus, einen Hausaltar geweiht hätte. So erwartete ich bei diesen illustren Gesellschaften, die zu später Stunde jedes Mal in freizügige Gelage übergingen, dass irgendwann der zurückgehaltene Hass durchbricht. Doch nichts passierte. Im Gegenteil, es waren mitunter die schönsten und aufregendsten Abende meines Pariser Studentenlebens.

Diese und spätere Begegnungen haben immer wieder bestätigt, dass Juden seltsame Menschen sind, denn sie haben uns Deutschen eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte bereits verziehen. Dadurch hat ausgerechnet das Vorbild der Juden mir die schwierigste Lehre des christlichen Glaubens zugänglich gemacht, nämlich die Vergebung von Schuld.

Wenn aber schon Juden seltsame Menschen sind, wie viel seltsamer sind dann Antisemiten, zumal deutsche Antisemiten? Angesichts der Tatsache des Holocausts und der ausgebliebenen Vergeltungsmaßnahmen der Juden konnte ich mir schlicht nicht mehr vorstellen, wie jemand seinen Judenhass noch begründen könnte. Alle Schleier antisemitischer Mythen schienen längst gelüftet. Doch der Schein trügt bis heute.  Mehrere Studien und Expertenkommissionen seit 2015 haben festgestellt, dass der Antisemitismus in Form von Juden- und Israelhass in der deutschen Bevölkerung nach wie vor recht stabil um die 20 Prozent liegt. Damit ist der Antisemitismus nicht weniger als eine Volkskrankheit, viel weiter verbreitet ist als Depression (5%), Asthma (7%) oder Diabetes (8%). Es gibt zwei Themen, mit denen der deutsche Antisemit sein Anliegen bis in die höchsten Kreise als gerechte Empörung meist unwidersprochen vortragen kann, nämlich die Entschädigungszahlungen für die jüdischen Opfer des Naziterrors und die Existenz des Staates Israel.

Sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs handelten Israel und die Bundesrepublik auf neutralem Boden – diplomatische Beziehungen nahmen die beiden Länder erst 1965 auf – das Luxemburger Abkommen zu Entschädigungsleistungen in Form von Waren, Gütern und Geldzahlungen aus. Das war für beide Seiten politisch ein hochriskanter Schritt, denn diese Verhandlungen wurden von sagenhaften neun Zehnteln der frisch gebackenen Bundesbürger als Erpressung durch die raffgierigen Juden und von der großen Mehrheit der Israelis als amoralischer Teufelspakt mit den Völkermördern abgelehnt. Selbst heute glauben laut der aktuellen ‚Mitte-Studie‘ noch zwischen 16% (ganz) und 19% (teils/teils) der erwachsenen Deutschen, dass die Juden versuchen, sich durch die Nazi-Vergangenheit Vorteile zu verschaffen. Der rein materielle Schaden der Juden aus der deutschen Verfolgung und dem Holocaust wird inzwischen auf 230 bis 380 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Summe der Entschädigungen, die Deutschland bis heute gezahlt hat und weiterhin zahlen wird, liegt zwar nur bei 100 Milliarden US-Dollar, die Hälfte davon in Form bescheidener Renten an in Israel lebende Opfer des Nationalsozialismus, die diese Ansprüche in teils erniedrigenden bürokratischen Antragsprozessen durchsetzen mussten. Doch der Gründer des Jüdischen Weltkongresses Nahum Goldmann, der 1952 das Abkommen mit Konrad Adenauer ausgehandelt hatte, in dem es lediglich um 3,5 Milliarden DM ging, war von der Ausweitung der Entschädigungsleistungen in den Folgejahren so überrascht, dass er bereits 1978 rückblickend schrieb: „Man kann also den Deutschen nicht vorwerfen, kleinlich gewesen zu sein und ihre Versprechen nicht gehalten zu haben.“ Die ‚Wiedergutmachung‘, wie Adenauer sie den Deutschen moralisch überzuckert verkaufte, ist daher am Ende ein für Deutschland und Israel weitgehend zufriedenstellend abgeschlossenes Kapitel.  

Was die Gründung und Existenz des Staates Israel seit 1948 angeht, so nimmt der Antisemit für sich in Anspruch, dass beides unter Juden selbst umstritten sei. Stellvertretend für die Partei der jüdischen Israelfeinde kämpft Norman Finkelstein, politikfremder Rechtsfundamentalist und Hisbollah-Verehrer, mit Büchern wie Die Holocaustindustrie (2001) und Antisemitismus als politische Waffe (2005) gegen Alan Dershowitz, den konservativen Hard-Boiled Staranwalt aus New York, der das Land mit seinem fulminanten Plädoyer für Israel (2005) verteidigt.

Finkelsteins Texte sind gut als Vorläufer der antijüdischen und antiisraelischen Strömungen in den seit etwa zehn Jahren akademisch und intellektuell wichtig gewordenen Postkolonialismus-Studien zu identifizieren. Der deutsche Antisemit jubelt Finkelstein zu, erlebt sein Coming-out als Antizionist oder Antikolonialist und engagiert sich für die Befreiung Palästinas. Der Antizionismus beruht allerdings bei israelfeindlichen Juden wie Nichtjuden auf einer dramatischen Verklärung der sechs Kriege und zwei Intifaden, mit denen die arabischen Nachbarstaaten Israel seit 1948 nicht nur besiegen, sondern vernichten wollten. Denn so anmaßend und prekär die jüdische Staatsgründung in Palästina war – wegen der Flucht und Vertreibung von 700.000 Arabern, der Nakba, und trotz der legalen jüdischen Besiedlung seit 1880 durch individuelle Grundstückskäufe sowie der Vertreibung von fast 900.000 Juden aus den arabischen Staaten ab 1948 –, so sehr wurde sie durch die wiederholten Siege Israels über die arabischen Streitmächte und ihre ethnischen Säuberungspläne ins Recht gesetzt. Dass Israel mit jedem weiteren Angriff ohne Kriegserklärung, mit jedem Gewalt- und Terrorakt stärker und größer wurde, diese Dialektik haben die Aggressoren bis heute nicht begriffen. Der Staat Israel ist in seiner heutigen Form das Werk seiner arabischen Feinde. Das von den Arabern erfundene Volk der Palästinenser – bis 1964 gab es auf arabischer Seite keine Pläne für ein unabhängiges Palästina; im Fall eines Sieges wäre das eroberte Israel unter den Nachbarstaaten einfach aufgeteilt worden – kann man in diesem Kontext nur dafür bedauern, dass es sich jahrzehntelang von den notorischen Kriegstreibern und -verlierern instrumentalisieren ließ und dass  seine korrupte Führung 2000 in Camp David die Zwei-Staaten-Lösung boykottierte, als sie tatsächlich zum Greifen nahe war. 

Während Israel die jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern nach 1948 unter großen Mühen und Widerständen trotzdem erfolgreich integriert hat, dazu noch die heute etwa 1,2 Millionen arabischstämmigen, nichtjüdischen Israelis, haben die arabischen Staaten die Flüchtlinge der Nakba jahrzehntelang in Lager gesperrt, sie dort verkommen lassen und bestenfalls zu so brutalem wie aussichtslosem Terror gegen Israel angestiftet.

Und während Israel, etwas überspitzt gesagt, jahrzehntelang praktisch alles dafür getan hat, damit eine Zweistaatenlösung zustande kommt – die gesteigerten Siedlungsaktivitäten der letzten Jahre im Westjordanland unter den zunehmend rechtsextremen israelischen Regierungen mal ausgenommen –, haben die Araber in den von Israel 1967 eroberten und besetzten Gebieten mit viel Geld und Waffen aus den reichen arabischen Ölstaaten alles dafür getan, damit das niemals passiert. Daher liegt die Stärke von Israels Existenzrecht als Staat nicht so sehr in seiner Gründung, wohl aber in seiner rechtmäßigen Verteidigung.

Das wird auch in dem Gutachten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag zu berücksichtigen sein, der sich zurzeit im Auftrag der UN mit der Frage befasst, ob die israelische Besatzung legal und durch das Völkerrecht gedeckt ist. Es geht dabei vor allem um die Dauer der Besatzung, die sich 2027 zum sechzigsten Mal jährt. Unmittelbar nach dem als Vernichtungskrieg geplanten Angriff der arabischen Staaten 1967, dem Sechstagekrieg, den sie krachend verloren haben, war die Besatzung zweifelsfrei legitim und sogar legal. Doch was bleibt dem Gericht nun noch übrig, außer die Frage auch für die Gegenwart eindeutig zu bejahen? Denn der erneute barbarische Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023, diesmal von mit Drogen vollgepumpten Terroristen auf ausschließlich unbewaffnete israelische Zivilisten, ging von einem Gebiet aus, das Israel bereits 2005 freiwillig geräumt hatte. Das im Osloer Friedensprozess 1993 hoffnungsvoll geprägte Motto ‚Land für Frieden‘ und die verzweifelt hochgehaltene Illusion einer Zweistaatenlösung sind damit endgültig gescheitert. Die Hamas hat das fast unmögliche Kunststück fertiggebracht, Israel einen juristischen Beweis in die Hände zu spielen, dass die Besatzung und möglicherweise sogar die endgültige Annexion der nach 1967 besetzten Gebiete nicht nur rechtmäßig, sondern inzwischen auch zwingend geboten ist. Denn nur durch eine Annexion würden die arabischen Bewohner dieser Gebiete endlich volle Bürgerrechte in einem vergrößerten israelischen Staat bekommen, dürften sich frei bewegen und sich wie die israelischen Juden überall auf dem neuen Staatsgebiet ansiedeln. Wir stehen also vielleicht schon an der Schwelle zur Legalisierung der lange ignorierten liberalen Ein-Staat-Lösung – nicht der finsteren Apartheidsphantasie der israelischen Rechtsradikalen um Netanjahu –, und das nicht trotz sondern gerade wegen des blindwütigen Terrors der Hamas. Der Antisemit steht daher wieder einmal zusammen mit allen israelfeindlichen Staaten und Terrororganisationen auf der Verliererseite, die bis heute nicht versteht, dass sie mit ihrem Hass den hochmodernen, widerständigen Staat Israel erst erschaffen und gefestigt hat.

Wenn also diese Begründungen des Judenhasses unhaltbar geworden sind, woher kommt er dann? Und vor allem: Warum gerade die Juden? Warum nicht die Fahrradfahrer, wie schon Tucholsky listig vorschlug? Das war die zentrale Frage von Henryk Broder in seinem herrlich komischen und bitterbösen Buch Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls (2005). Er fand allerdings auch keine Antwort darauf, und es ist wohl keine Übertreibung zu behaupten, dass man inzwischen sogar die Frage vergessen hat. Selbst in den Bibliotheken füllenden Dissertationen, Analysen und Berichten aus über fünfzig Jahren neuerer Antisemitismusforschung ist keine Spur mehr davon zu finden.

Ich möchte hier versuchen zu erklären, woran das liegt, die Frage erneut stellen und auf der Grundlage eines lange vernachlässigten Ansatzes eine erste provisorische Antwort darauf geben. Im Laufe der Jahre und vieler Begegnungen mit Antisemiten, ihren Texten und Aktionen, verdichteten sich für mich die Hinweise, dass es sich beim Antisemitismus um eine Art Geisteskrankheit handelt, moderner gesagt: um eine Persönlichkeitsstörung, von der wir noch nicht wissen, ob sie heilbar ist. Bisher scheint Antisemitismus jedenfalls ein One-Way-Ticket zu sein. Darauf deutet die Tatsache hin, dass es bisher keine Zeugnisse von ehemaligen Antisemiten gibt.

Constantin Brunner
Constantin Brunner

Die Vermutung, dass der Antisemitismus und seine Nachgeburt, der Antizionismus, tatsächlich Formen einer klinischen Persönlichkeitsstörung sind, wurde auch schon mehrfach geäußert. Der rumänische Arzt und Zionist Karpel Lippe schrieb bereits 1887 über Symptome der antisemitischen Geisteskrankheit, und der Philosoph Constantin Brunner veröffentlichte 191 9 seine Schrift Der Judenhass und die Juden. Darin stellte er fest: „Die Psychopathia antisemitica gehört hinein in die allgemeine Psychologie, in die psychologische Anthropologie.“  Brunner, selbst Jude, zeigte echtes Mitgefühl für die Erkrankten: „Wie und wie weit lässt sich den bejammernswerten Leuten helfen, die an den Juden verrückt geworden sind, und auf welche Art können in Zukunft andre vor dem gleichen Unglückslose bewahrt werden?“

Weitere Impulse gingen vom Psychiatrischen Symposium zum Antisemitismus 1944 in San Francisco aus. Die dort vorgestellten Ansätze wurden von einzelnen Psychoanalytikern wie Bela Grunenberg weiterentwickelt.  Doch heute spielt der psychopathologische Aspekt in der Antisemitismusforschung keine Rolle mehr.  Die Verschiebung in den Grundlagen der Sozial- und Geisteswissenschaften von handelnden, menschlichen Subjekten zu „Systemen“, „Strukturen“, „Diskursen“, „Narrativen“ und „Kontexten“ hat dazu geführt, dass wir heute weniger über dieses Subjekt wissen als je zuvor, den Antisemiten eingeschlossen. Das Resultat dieses metatheoretischen Subjektverbots** ist, dass der Antisemit inzwischen als das systemische Produkt einer kranken und kapitalistisch entfremdeten Gesellschaft gesehen wird. Das schrieb schon Jean-Paul Sartre 1944 in seinen berühmten Überlegungen zum Antisemitismus: „Wir stimmen mit dem Antisemiten in einem Punkt überein: Wir glauben nicht an die menschliche ‚Natur‘, wir lehnen es ab, die Gesellschaft als eine Summe isolierter oder isolierbarer Moleküle zu betrachten.“

Diesem für einen der führenden Existentialisten erstaunlich anti-individualistischen Satz steht seine viel häufiger zitierte Aussage gegenüber, der Antisemitismus sei die Furcht vor dem Menschsein. Es wurde allerdings nie ausbuchstabiert, was diese markigen Worte im Einzelnen bedeuten könnten. Um an die Wurzel des Antisemitismus zu gelangen, zur Antwort auf die Frage „Warum die Juden?“, müssen wir deshalb in exquisit existentialistisch-individualistischer Manier dem älteren Subjekt-Ansatz der Kantischen Aufklärung folgen, den Verstand des Antisemiten erforschen und seine Gedanken dabei so wiedergeben, dass er sich verstanden fühlen könnte, wenn er nur ehrlich wäre. Was ich damit meine? Hier ein Versuch.

Der Antisemitismus ist bekanntlich eine Leidenschaft, die den Antisemiten auf intime Weise mit dem Dasein des Juden verbindet. Er spürt Lust gepaart mit Verachtung und tiefster Geborgenheit bei dem Gedanken: Der Jude erklärt mir die Welt; den Kapitalismus oder den Kommunismus; den Unterschied zwischen Arm und Reich; warum die arabischen Völker seit ihrer Hochzeit im Mittelalter nie wieder glücklich werden können; oder wenigstens den heutigen Nahost-Konflikt. Das ist eine wichtige Leistung, durch die der Antisemit sich beim Juden verschuldet. Wenn man diese Aussage umkehrt, erkennt man auch die Angst, die damit verbunden ist: Ohne den Juden verstehe ich die Welt nicht mehr! Denn der Jude ist Teil des kognitiven Apparats des Antisemiten geworden, eine mächtige, beruhigende Welterklärungsmaschine, auf die er nicht mehr verzichten kann. Deshalb der Jude, denn er ist in dieser Funktion nicht ersetzbar. Es ist eine einzigartige Sucht, die unbehandelt ins Unstillbare neigt und dort endet. Im psychotischen Endstadium dieser Krankheit beginnt der Antisemit ernsthaft an ihr zu leiden und versucht sich selbst zu heilen, wobei er zunehmend die Bereitschaft entwickelt, von den Worten zu Taten zu schreiten: Die Welt, die der Jude mir erklärt, hat er auch erschaffen. Ich will eine neue Welt – eine ohne Juden.

Nach dem Scheitern aller anderen Ansätze ist es wohlmöglich an der Zeit, sich mit dem Antisemiten ganz im Sinne des Philosophen Brunners wieder als Subjekt zu beschäftigen, und zwar als Patienten. Die erste Erleichterung, die man ihm verschaffen könnte, wäre die Aufklärung darüber, dass sein schmerzhafter Hass auf die Juden und auf Israel gar keine politische Meinung, Idee oder Haltung ist, die sich ihm durch das Einwirken einer undurchdringlich chaotischen Weltganzen aufdrängt, sondern eine klinische Persönlichkeitsstörung, die sich bei ihm eingeschlichen hat und für die er gar nichts kann. „Einsicht ist der erste Schritt zur Heilung“ wäre dann auch in den vertraulichen Runden der Anonymen Antisemiten das Mantra der Moderatoren. Dort würde man den Suchtpatienten helfen, einen neuen, weniger finsteren Wirklichkeitszugang zu finden, der nicht wieder zwangsläufig auf den kaum begründbaren und geradezu unsinnigen psychopathischen Hass auf die Juden und ihren Staat hinausläuft. Wenn dem Antisemiten das gelingt, dann wäre das für ihn wie eine Wiedergeburt, eine Renaissance, ein neuer Morgen der Welt, und endlich gäbe es ehemalige Antisemiten.

  

*Was alles erforderlich ist, damit ein Urteil als 'politisch' qualifiziert werden kann, das habe ich 2006 in meinem Buch Politische Subjektivität. Der lange Weg vom Untertan zum Bürger ausgearbeitet.  

 

**Dieses Thema habe ich in meinem Essay Was ist ein Demokrat? Versuch einer Definition der demokratischen Persönlichkeit von 2012 genauer ausgeführt.